Die Idee, neue Länder kennenzulernen und sich dafür viel Zeit zu nehmen, trägt Marcel Lenz schon eine Weile mit sich herum, die Reise ist von langer Hand geplant. Als Lehrer der Realschule Bissingen hat er die vergangenen vier Jahre darauf angespart, um sich nun in ein Sabbatjahr und auf eine Weltreise zu verabschieden. Dass dies einhergeht mit einem Ende der sportlichen Laufbahn, die ihn über Jahrzehnte begleitet und seinen Alltag bestimmt hat, war ihm bewusst, aber lange nicht gegenwärtig. „Vor der Saison habe ich gedacht, dass dieser Moment irgendwann kommt, ab dem ich darüber nachdenke: noch zehn Spiele, noch einmal gegen jeden Gegner. Tatsächlich hat das dann aber erst ganz spät eingesetzt, erst mit dem Beginn des Ligapokals. Da ist mir konkret bewusst geworden, dass das nun meine letzten sechs Spiele sind.“
Und darum vermutet er: „Die Wehmut wird erst noch kommen.“ Denn klar ist: Mit dem Ende der sportlichen Laufbahn geht ein Lebensabschnitt zu Ende. Und Marcel Lenz sagt: „Es war eine wahnsinnig schöne Zeit. Natürlich mit einem einengenden Rahmen – aber ich hatte immer mit tollen Leuten zu tun, und ich durfte dem nachgehen, was ich sehr gerne tue. Deshalb habe ich es nie als Bürde empfunden.“ Schon in seiner Kindheit und Jugend nahm der Handballsport eine große Rolle im Leben von Marcel Lenz ein. Damals spielte er in den Nachwuchsteams des TV Bittenfeld. Eine prägende Zeit, „superwichtig für mich, dort habe ich den Grundstein für alles Handballerische gelegt.“ Sein Talent fiel auf, er wurde in die Auswahlmannschaften des Handballverbands Württemberg berufen, an die Lehrgänge denkt er gerne zurück. Auch, weil der damalige Landestrainer Kurt Reusch „prägend war und Vertrauen in mich hatte.“
Beim Übergang in den Erwachsenenbereich trainierte und spielte Marcel Lenz im Bittenfelder Zweitligateam. Für ihn als jungen Spieler war es beeindruckend, im Kreise von leistungsstarken Handballern wie den isländischen Nationalspielern Björgvin Páll Gústavsson (Torwart) oder Arnór Pór Gunnarsson (Rechtsaußen) erste Erfahrungen bei den Aktiven zu sammeln. Spielpraxis sammelte er damals in der 1B des TVB. 2011 wechselte er in der Winterpause zum damaligen Drittligisten HV Stuttgarter Kickers. Sportlich war es ein wichtiger Schritt, „ich habe dort schnell eine wichtige Rolle gespielt und durfte sehr viel spielen.“ Aber der Verein konnte den Drittliga-Spielbetrieb nicht stemmen. Obwohl Marcel Lenz mit einem Folgevertrag ausgestattet war und deshalb an einen Fortbestand der Mannschaft glaubte, meldete der Verein das Team in der Sommerpause ab, „zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.“
Über seinen früheren Sportlehrer Thilo Burkert fand er den Weg zum TSV Schmiden in die Württembergliga. Was die Ligenzugehörigkeit betrifft ein Rückschritt, „dafür habe ich dort viel auf Rückraum Mitte und Rückraum links gespielt“, auch das war eine wertvolle Erfahrung. 2014 folgte er den Lockrufen des TSB Horkheim, für den er vier Jahre spielte und in denen er sich zum Drittliga-Torjäger etablierte. Wichtig für ihn in dieser Phase: „Trainer Jochen Zürn hat mir Sicherheit gegeben. Er hat gewusst, dass ich mich gut vorbereite, dass er sich auf mich verlassen kann und dass er sich um die Linksaußenposition in aller Regel keine Gedanken machen muss.“ Marcel Lenz gab das Vertrauen zurück, als starker Konterspieler, als zielsicherer Siebenmeterschütze und vor allem als Spieler, der sich auch in kniffligen Momenten nicht versteckt. 2017 stand er mit Horkheim kurz vor dem Aufstieg in die zweite Bundesliga, das entscheidende Spiel gegen den HC Eintracht Hildesheim ging verloren.
Ein Jahr später schloss sich der Handballer dem HC Oppenweiler/Backnang an. Er spürte bei seinem neuen Club und bei Trainer Matthias Heineke von Beginn an Rückendeckung – und übernahm ebenfalls auf Anhieb eine tragende Rolle. Der Rechtshänder trug dazu bei, dass sich der HCOB aus dem Kreis der abstiegsgefährdeten Teams verabschiedete und in den vergangenen Spielzeiten Plätze in der vorderen Tabellenhälfte erreichte. „Wir haben uns weiterentwickelt und die Mannschaft ist auch gut punktuell verstärkt worden“, findet Marcel Lenz. Er selbst trug mit 604 Toren in 86 Spielen maßgeblich dazu bei. Das entspricht einem Schnitt von sieben Toren pro Spiel, beeindruckend und der zweitbeste Wert in der Vereinsgeschichte. So bleibt er in Erinnerung. Und was bleibt bei ihm hängen? „Zum einen die Tatsache, dass das vier durch Corona unglaublich zerpflückte Spielzeiten waren. Nur die erste Spielzeit verlief normal, die zweite war dann im März vorbei.” Zum anderen der erfreuliche Umstand, dass sich die nach wenigen Spielen abgebrochene Saison 2020/2021 mit der auf freiwilliger Basis durchgeführten Aufstiegsrunde für Marcel Lenz und seine Mannschaftskameraden doch noch zu einem echten Highlight entwickelte.
Das Team schaffte es überraschend weit. „Diese Aufstiegsrunde mit der Finalteilnahme war für mich eines der Highlights, hier beim HCOB und überhaupt. Da haben wir mit viel Fokus alles auf die Platte gebracht.“ Es habe sich dann auch gezeigt, das stimmt, was gern behauptet wird, nämlich: „Dass wir ein eingeschworener Haufen sind, der mit allem, was wir haben, füreinander kämpft.“ Das machte sich auch in der laufenden Spielzeit bemerkbar, als zwischendurch die „Klassenverbleibsrunde“ drohte, das Team dann aber immer besser zusammenfand und zur besten Rückrundenmannschaft der Staffel F der Dritten Liga avancierte.
Als die Zusammensetzung für den Ligapokal bekanntgegeben wurde, freute er sich über die gemeinsame Einteilung von TSB Horkheim und HC Oppenweiler/Backnang in einer Staffel. „Da treffe ich noch einmal auf viele Spieler, auf die ich mich sehr freue, weil ich mit ihnen in den vergangenen Jahren zusammengespielt habe.“ Denn nicht nur für die beiden Vereine ist dieses Duell ein Besonderes, auch Marcel Lenz hat kaum ein Spiel öfter absolviert als dieses Derby – früher auf der Horkheimer Seite, am Samstag (20 Uhr, Gemeindehalle) nun zum siebten Mal im Dress des HCOB. Anschließend steht noch die Partie gegen Erlangen nebst Verabschiedungen auf dem Programm, dann war es das mit Handball.
Der Start zur Weltreise ist für Mitte August geplant, und dabei lässt sich Marcel Lenz viele Freiräume offen: „Geplant ist, dass es wirklich ein komplettes Jahr wird, und das mein erster Anlaufpunkt Kuba sein wird. Aber sonst habe ich keine Eckpunkte festgelegt, nichts gebucht, ich will mich treiben lassen.“ Dass er nach seiner Rückkehr als Spieler zurückkehrt, hat er für sich ausgeschlossen, denn „der Zahn der Zeit hat in den letzten Jahren an mir genagt. Ich habe selten schmerzfrei trainiert oder gespielt und vorher immer Physiotherapie in Anspruch genommen.“ Deshalb will er die letzten beiden Spiele noch einmal genießen - um anschließend die Sporttasche gegen den Backpack auszutauschen.
Marcel Lenz über das Thema…
Siebenmeter: „In die Rolle des Siebenmeterwerfers bin ich in der Jugend gekommen. Und das war mit kurzen Ausnahmen immer so. Mein Grundgedanke ist, mit Variation zu werfen: mal schnell, dann habe ich wieder die drei Sekunden ausgenutzt, die man zur Verfügung hat. Im Prinzip geht es darum, nicht nach Schablone zu werfen, sondern den Torwart auszuschauen – und dann im richtigen Moment die richtige Entscheidung zu treffen.“
Dritte Liga: „Ich habe knapp neun Jahre in dieser Liga gespielt, und für mich ist es tatsächlich eine besondere Spielklasse. Von Ausnahmen abgesehen, kann jeder gegen jeden gewinnen. Man bekommt es in dieser Liga mit sehr vielen, sehr guten Handballern zu tun, die aber so clever sind, zugleich ihre berufliche Laufbahn voranzutreiben. Am liebsten waren mir die Derbys mit den kurzen Fahrten, auf die ganz langen Auswärtsfahrten werde ich ganz gut verzichten können.“
Familiäre Unterstützung: „Meine Familie war viel bei den Spielen dabei, und das mit viel Herz. Die sind jetzt in einer sportlichen Midlife-Crisis und fragen sich, was sie tun sollen, wenn ich nicht mehr spiele. Zum Glück haben wir einen Verwandten, der in Bissingen Fußball spielt. Da sind sie zumindest am Samstagmittag aufgehoben. Und ansonsten tut sich immer wieder etwas Neues auf – vielleicht kommen sie weiterhin hin und wieder zu den Handballspielen nach Oppenweiler.“
